Mittwoch, 13. November 2013

Die unendliche Geschichte

 ...oder von einem, der auszog, seinen o2-Vertrag zu wechseln


Kennt ihr noch die alte OB-Werbung, in der es heißt "Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse"? Nun, nicht nur die Menstruation steckt voller Missverständnisse. Habt ihr schon mal versucht, euren bestehenden Vertrag bei o2 zu wechseln? Nein? Dann ein guter Rat: Tut das nicht! Ich wäre froh, hätte mir das jemand im Vorfeld geraten...



Es hat alles ganz harmlos angefangen, mit einer E-Mail an den Kundenservice, in dem ich freundlich darum gebeten habe, die Möglichkeit eines Kombivorteils (Mobilfunkvertrag + DSL) nutzen zu können. Beides hatte ich bereits seit geraumer Zeit, warum also nicht 10,- Euro im Monat sparen? Hier lauerte schon die erste Überraschung: Mein bestehender Vertrag war mit dem Kombivorteil nicht kompatibel, ich müsste diesen ändern. Gleiche Leistung, gleiche Bedingungen, gleicher Preis – nur ein anderer Name. Ein moderner, große Zukunft versprechender Name. Klang gleich viel beeindruckender. "Was für einen DSL-Vertrag hast du?" – "All-in!" Wow! Da fällt es einem doch gleich viel leichter zu wechseln. Geiler Name und 10,- Euro gespart. Ich fühlte mich wie ein König. Nur die Krone und das Zepter fehlten noch.

Kurz nach meiner schriftlichen Zustimmung erfolgte denn auch ein Anruf des Kundencenters, bei dem ich den Wechseln nochmals mündlich bestätigt hatte und alles in die Wege geleitet werden sollte. "In den nächsten Tagen schicken wir Ihnen alle Unterlagen und den Termin der Freischaltung durch." Super, das klappt ja alles einwandfrei! So viel sei schon jetzt verraten: Es war das letzte Mal, dass ich das dachte.

In den nächsten Tagen sollten noch weitere E-Mails folgen. Und das Schönste war, dass jede dieser E-Mails mit neuen Überraschungen verbunden war. Und alle Welt liebt doch Überraschungen. Ja, das tut sie wirklich. Vor allem, wenn sie in drei aufeinander folgenden Aussagen drei unterschiedliche Angaben zu der Vertragslaufzeit bekommt. Diese schwankte zwischen 6 und 24 Monaten. Jede neue Nachfrage, brachte eine neue Zahl hervor. Ich fühlte mich wieder in meine Schulzeit in den Matheunterricht zurückversetzt, als man wild irgendwelche Zahlen als Lösungen präsentierte, wenn man keine Ahnung hatte, wie der Lösungsweg funktioniert. Das Ergebnis: Keine dieser Zahlen hat gestimmt. Das Ergebnis heute ein ähnliches.

Wenige Tage später klingelte es an der Tür. Ein leicht zerstreuter DHL-Fahrer präsentierte mir ein Päckchen. Ich konnte mich zwar nicht daran erinnern, etwas bestellt zu haben, aber da es an mich adressiert war, nahm ich das dankend an. Auf dem Fuß die nächste Überraschung. Ja, wir lieben noch immer Überraschungen. Der Inhalt kam mir bekannt vor, war es doch ein Router, wie er bei mir bereits zu Hause stand und jahrelang ohne Ausfälle funktioniert hat. Also wieder E-Mail an o2: "Wozu die neue Hardware?" Die sei nötig, weil der Tarif jetzt umgestellt wird. Dafür bräuchte man einen neuen Router. "Warum?" Ist halt so. Ich muss es nicht verstehen. Ich vertraue mal denen, die das können (sollten).

"Gut", dachte ich mir, "bisher war war ich mit o2 ganz zufrieden, da soll das jetzt an den paar Monaten plus oder minus nicht scheitern. Und die neue Hardware kann ich auch installieren." Ich machte es mit bequem in meinem Wird-schon-werden-Modus, schloss den neuen Router an und wartete nun gebannt auf den Tag der Freischaltung. "Die Freischaltung erfolgt zwischen 8 und 16 Uhr. In dieser Zeit werden Sie nicht telefonieren können." Alles kein Problem, schließlich arbeite ich in dieser Zeit. Den Arbeitstag erfolgreich zu Ende gebracht, machte ich mich auf den Heimweg, in froher Erwartung des neuen Anschlusses. Zu Hause angekommen stellte ich fest, dass  – genau, die nächste Überraschung (wenn man hier überhaupt noch von Überraschungen sprechen kann) – es nicht funktionierte.

Beim Abnehmen des Telefonhörers säuselte mir eine attraktive Frauenstimme "Bitte geben Sie Ihre PIN ein" ins Ohr. PIN? Welche PIN? Bank? Kreditkarte? Handy? Geht nicht. Mehr PINs habe ich nicht. Alle E-Mails gecheckt – bei der Menge könnte man ja eine PIN übersehen haben. Nichts. Also folgte der Griff zum Handy und die Finger wählten die o2-Hotline. "Guten Abend, was kann ich für Sie tun?", fragte mich eine Stimme mit einem starken sächsischen Dialekt. "Heute sollte die Freischaltung erfolgen und ich kann weder telefonieren noch ins Internet." – "Aha. Warum?" – "Ich hatte gehofft, dass Sie mir das verraten würden." – "Also ich sehe hier gerade nichts." – "Und bei mir geht nichts. Mein Telefon verlangt nur die Eingabe einer PIN von mir." – "Dann geben Sie doch die PIN ein." – "Ich habe keine PIN." – "Warum haben Sie keine PIN?" – "Die Frage müsste ich doch wohl eher Ihnen stellen." – "Komisch, Sie hätten sie bekommen sollen." – "Hätte ich. Habe ich aber nicht." – "Okay, das werde ich notieren und es wird sich morgen jemand bei Ihnen melden." Der Erstkontakt war erfolgt, und noch war ich zuversichtlich.

Der nächste Tag verging, ohne dass ich etwas von meinem Anbieter gehört habe. Darum erste Amtshandlung am darauf folgenden Tag: Wieder die Hotline wählen. "Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?" – "Ich habe Sie gestern vermisst!" – "Wie bitte?" – "Ich habe gestern sehnsüchtig auf einen Anruf von Ihnen gewartet, so wie mir vorgestern versprochen wurde. Das ist nicht geschehen." – "Oh, das tut mir leid, der Kollege hat wahrscheinlich vergessen zu sagen, dass es zwei Tage dauern kann." – "Ja, offensichtlich hat er das. Aber macht nichts, jetzt habe ich Sie ja erreicht. Mir fehlt noch immer eine PIN." – "Warum fehlt Ihnen die PIN?" – "Das hatten wir schon: Ich hoffe noch immer, das von Ihnen zu erfahren." – "Also bei mir ist keine PIN hinterlegt." – "So ein Zufall, bei mir auch nicht." – "Aber ich sehe hier gerade, dass eine Störung vorliegt." – "Was für eine Störung?" – "Eine Störung an der Leitung." – "Aber vor drei Tagen war noch alles in bester Ordnung." – "Ja, aber jetzt haben Sie eine neue Leitung." – "Aber ich bin doch immer noch bei o2?" – "Ja, aber die Leitung hat sich geändert und von der bekomme ich ein Störsignal." So ging das gefühlte Stunden. Ende des Gesprächs war, dass mir mal wieder versprochen wurde, sich zu melden.

Wieder zwei Tage später bekomme ich eine SMS: "Lieber Kunde, Ihre Störung wird unter der Nummer GEO......... bearbeitet. Wir setzen und zeitnah mit Ihnen in Verbindung." Dann bin ich ja beruhigt, dass die Störung vier Tage nach dem Erstkontakt endlich bearbeitet wird. Alles zeitnah versteht sich's. Weitere zwei Tage später klingelt das Handy – um 13.50 Uhr. "Guten Tag, hier o2." – "Hallo." – "Uns liegt hier eine Störung vor." – "So ein Zufall, mir auch." – "Sind Sie gerade zu Hause?" – "Sind Sie's?" – "Nein." – "Nun, wie Sie arbeite ich. Demnach bin ich auch nicht zu Hause." – "Das müssen Sie aber sein, damit wir eine Messung vornehmen können." – "Wollen Sie das vielleicht meinem Chef sagen?" Am Ende haben wir vereinbart, dass ich mich zeitnah über die Hotline melde, wenn ich wieder zu Hause bin.

Der Abend des selben Tages. Ich interpretiere zeitnah ein wenig anders. "Guten Abend, was kann ich für Sie tun?" – "Ich sollte mich melden, damit irgendeine Messung durchgeführt werden kann. Dies tue ich hiermit." – "Okay, dann lassen Sie uns mal messen" (...) "Die Messung sagt, dass es funktionieren müsste." – "Tut es aber nicht. Ich habe auch noch immer keine PIN." – "Warum haben sie keine PIN?" – "Ja, Herrgott, weil ich der leibhaftige Messias bin und hellsehen kann! Woher soll denn ich wissen, warum ich keine PIN von Ihnen bekomme?!" – "Also bei mir ist hier auch keine hinterlegt." – "Ja, das weiß ich bereits, habe ich schon vor vier Tagen von Ihrem Kollegen erfahren." – "Bei mir steht hier auch nichts, dass Sie keine PIN bekommen haben..." – "Warum bin ich jetzt nicht überrascht?" Nach etlichen Irrungen und Wirrungen und weiteren Versprechungen der zeitnahen Kontaktaufnahme wurde ich mit den Worten verabschiedet: "Wir führen aktuell eine E-Mail-Umfrage über Kundenzufriedenheit durch, würden Sie..." Den Rest habe ich vor lauter Lachen nicht mehr verstanden...

An dieser Stelle die Preisfrage: Wann erfolgte der nächste Zeitnahe Kontakt? Richtig. Zwei Tage später. Diesmal vormittags, per SMS: "Lieber Kunde! An Ihrer leeren Telefondose ist eine Messung nötig. Bitte rufen Sie und von vor Ort vom Handy unter xxx an. Ihr o2 Team" Überflüssig zu erwähnen, dass ich vor zwei Tagen eine SMS mit exakt dem gleichen Wortlaut bekommen habe. Ausgang des Sich-Meldens, siehe oben. Die Überraschungen halten sich inzwischen in Grenzen. Auch Bill Murray war irgendwann nicht mehr überrascht, dass er jeden Tag den "Tag des Murmeltiers" feiern musste. Nur hatte er einen Nachteil, bei ihm geschah das jeden Tag. Ich habe wenigstens zwei Tage Zeit, bis sich die Schleife wiederholt. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, schließlich war auch das Murmeltier irgendwann Geschichte...

Donnerstag, 7. November 2013

Erfolg ohne Durchbruch

Sie sind einer der, wenn nicht der größte Rock-Export Stuttgarts. Sie füllen deutschlandweit die Konzertsäle und doch blieb ihnen bislang der große Durchbruch verwehrt. Ein Grund dafür mag ihre Musik, die sich in keine Schublade stecken lässt, sein – das stellen sie aktuell wieder mit ihrem neuen Longplayer »The Painstream« unter Beweis. Ein anderer, dass dieser Durchbruch die Band einfach nicht interessiert. »end of green« haben schon immer nur das gemacht, was sie wollten.
Foto: Steffen Schmid


Sie sind ein Phänomen. Längst auf den gro­ßen Festivals zu Hause, sucht man die Stuttgarter Rockband »end of green« vergeblich in der breiten Öffentlichkeit. Der große Durchbruch blieb ihnen – so scheint es – bisher verwehrt, obwohl das aktuelle Album »The Painstream« auf Platz 13 in Deutschland chartete. Doch großes Bedauern klingt anders, wenn Michael Setzer, Gitarrist der Band, sagt, der große Durchbruch »geht mir am Arsch vorbei«. Sie haben als Band so viele Freiheiten, dass sie von vielen darum beneidet werden. Sie sind unabhängig, sie spielen, weil sie spielen wollen, nicht weil sie spielen müssen. Den Mantel der öffentlichen Wahrnehmung, dass sie ihr Potenzial nicht ausschöpfen, können sie dennoch nie ganz ablegen. »Vor Kurzem erst habe ich mich nach einem unserer Gigs mit einem Fan unterhalten, der ständig davon geredet hat, dass aus uns eigentlich hätte etwas ganz Großes werden können«, sagt Setzer. »Am Ende klang das schon so, als würde ich in irgendeiner kleinen Kaff-Band spielen.« Das sind »end of green« beileibe nicht. 

Melodische Melancholie

Der Stuttgarter Fünfer, bestehend aus Michael Huber, Kirk Kerker, Michael Setzer, Matthias Siffermann und Rainer Hampel, ist auf den Konzertbühnen in ganz Deutschland zu Hause. Sie können sich auf eine treue und ständig wachsende Fangemeinde verlassen. Die bisherigen Gigs ihrer Tour, die am 16. November in Stuttgart ihrem finalen Höhepunkt zusteuert, machen Lust auf mehr. Das wissen nicht nur ihre deutschen Fans. Die »end of green«-Gemeinde ist internationaler, als man auf den ersten Blick glauben mag. In Spanien wurde kürzlich ein Fanclub gegründet, für Stuttgart haben sich Fans aus Russland und Kanada angekündigt. Sie alle hat die melodische Seite der Melancholie und Düsternis, die die Band in ihren Songs zu Gehör bringt, gefangen und nicht mehr losgelassen. Dabei bewegt sich der Fünfer musikalisch stilsicher abseits aller Genres. Ist es Metal, Rock, Gothic oder Indie? Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen. Und es würde der Band nicht gerecht werden, würde man sie auf einen Sound reduzieren. Davon zeugt alleine schon der aktuelle Longplayer. Auf »The Painstream« tummeln sich melodie­schwangere Balladen ebenso wie knackige Rockbretter, radiotaugliche Nummern wie mainstreamferne Songs. Schnell wird klar, da macht eine Band das, was sie will, und lässt sich nicht so leicht verbiegen.

Unpopuläre Entscheidungen

Die Treue zu sich selbst ist vielleicht auch das Charakteristischste, was diese Band seit über 20 Jahren auszeichnet. Sie haben nie wie unzählige Bands vor ihnen alles auf eine Karte gesetzt, haben sich nie von dem Haifischbecken der Musikindustrie schlucken lassen. An Angeboten großer Major-Labels mangelte es nicht. Doch die einen wollten, dass sie auf Deutsch singen, die anderen, dass sie mit externen Songschreibern arbeiten. »Aber man lernt auch nicht eine blonde Frau kennen und sagt ihr dann, sie solle sich die Haare schwarz färben und die Brüste vergrößern lassen«, sagt Setzer. Heute sind sie beim österreichischen Label Napalm Records unter Vertrag und glücklich. »Unpopuläre Entscheidungen« habe man früher treffen müssen. Der eigenen Karriere war das im ersten Moment vielleicht nicht zuträglich, dem eigenen Selbstbewusstsein umso mehr. Und daraus resultiert wiederum der heutige Erfolg der Band. Lieber langsam und kontinuierlich wachsen, statt mit einem Hype hochgepusht zu werden, um dann umso tiefer zu fallen. Beispiele dafür gibt es in der Musikwelt zuhauf. Genauso wie die, denen der Erfolg und das Rock‘n‘Roll-Leben schnell zu Kopf gestiegen ist.

Verantwortung Fans gegenüber

»Sex, Drugs & Rock‘n‘Roll« – sicher, auch die fünf Stuttgarter hatten in der Vergangenheit ihre wilde Zeiten im Tourbus. Und doch rückt Setzer die Verhältnisse zurecht: »Bei uns kam zuerst immer der Rock‘n‘Roll, dann der ganze andere Kram.« Denn bei all den Eskapaden, die einer Rockband auf Tour nachgesagt werden, das Wichtigste für »end of green« war und ist noch immer ein perfekter Gig. Das sei eine Verpflichtung den Fans gegenüber. Daran wird sich auch nie etwas ändern, Durchbruch hin oder her.



Konzertdaten:
end of green
Sa. 16. November, 20 Uhr, LKA Longhorn, Stuttgart
www.endofgreen.de

Dienstag, 29. Oktober 2013

Unterwegs mit dem Chefankläger

Der Tübinger Regisseur Marcus Vetter hat in der Vergangenheit bereits zahlreiche Preise für seine Dokumentarfilme erhalten. Für seinen aktuellen Film »Der Chefankläger« begleitete er drei Jahre lang den ersten Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Luis Moreno Ocampo, reiste mit ihm in die Krisenherde der Erde, sah ihm über die Schulter, traf Angelina Jolie und charismatische Idealisten. Ein Film und eine Begegnung, die das Denken und das Leben des Regisseurs nachhaltig prägen.

Chefankläger Luis Moreno Ocampo. Foto: Bukera Pictures

Es sind Bilder, die unter die Haut gehen. Bilder, die schockieren, und Bilder, die ein aufwühlendes Gefühl aus Nichts-tun-Können, Wut und Trauer hinterlassen. Ein kleiner Junge wird von afrikanischen Milizen verschleppt, auf die Laderampe eines Pick-ups geworfen, geschlagen und getreten. Ein israelischer Reporter telefoniert während einer Live-Sendung mit einem Mann im Gaza-Streifen, wo just in dem Augenblick des Telefonats eine eingeschlagene Granate seine Töchter tötet. Ein junger Heranwachsender wird von bewaffneten Milizen befragt, wo er herkomme. Flehend gibt er seinen Widersachern die Antworten, unsicher versucht er ihnen zu entkommen, nur nutzt das nichts. Er wird auf offener Straße erschossen.

Keine Hollywood-Produktion

Diese Szene sind keinen Hollywood-Produktionen entsprungen, sie sind real. Und sie sind ein kleiner und doch so wichtiger Bestandteil des neuen Films des Tübinger Regisseurs Marcus Vetter. In »Der Chefankläger« begleitete der schwäbische Filmemacher den ersten Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC), Luis Moreno Ocampo, drei Jahre lang und dokumentierte seine Arbeit und seinen Einsatz für mehr Gerechtigkeit auf der Welt. Eine Gerechtigkeit, die in vielen Ecken der Erde nicht vorkommt, das demonstrieren die gezielt eingesetzten Schock-Szenen. »Wir haben viel über diese Bilder diskutiert, weil sie so hart sind, dass sie einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Und weil sie nicht mehr aus dem Kopf gehen, müssen sie in den Film. Dem Zuschauer muss durch diese Bilder klar werden, warum der ICC so wichtig ist«, sagt der Regisseur und gibt damit zugleich seinen Antrieb für den Film preis.

»Der Chefankläger« war geboren

Der Internationale Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag nahm seine Arbeit am 1. Juli 2002 auf und ist dafür zuständig, gegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Verbrechen der Aggression, die seit der Gründung auf der Welt geschehen, vorzugehen. All die Verbrechen, bei denen sich Führer über das Gesetz, über das Völkerrecht stellen. Jeder weiß, dass dies auf der Welt passiert. Aber man schaut gerne weg. Man ist froh, dass man nicht selber in der Situation steckt, und die Täter kommen ungeschoren davon. Seit nunmehr elf Jahren gibt es mit dem ICC aber eine Instanz, die diese Menschen vor Gericht stellt. Oder stellen könnte. Die Akzeptanz des Strafgerichtshofs ist nicht überall auf der Welt gleich. Länder wie die USA, Russland, China oder Israel sind keine Mitgliedsstaaten, für sie gilt das Rom-Statut, was die vertragliche Grundlage des ICC ist, nicht. Sie können nicht belangt werden. Wenn es nach dem ersten Chefankläger des ICC, Luis Moreno Ocampo, geht, noch. Seine mutige Vision von der Zukunft ist, dass in 20 Jahren alle Staaten der Welt dem ICC unterstellt sein werden. Der Weg dorthin wird aber lang und steinig. Auch heute noch wissen viele nichts von der Arbeit des Internationales Strafgerichtshofs. Das war auch Ocampo bei seiner Amtseinführung klar. Darum kontaktierte er den Tübinger Regisseur Marcus Vetter. Der ICC musste in die Öffentlichkeit! »Der Chefankläger« war geboren.

Palästina, die treibende Kraft

»Ursprünglich sollte es in dem Film um Paläs­tina gehen«, erinnert sich Vetter. Der Chefankläger sei auf ihn zugekommen, als er Vetters Film »Das Herz von Jenin« gesehen habe. Der Film erzählt die Geschichte des Palästinensers Ismail Khatib. Er spendete die Organe seines von den Israelis erschossenen Sohns an israelische Kinder. »Ocampo hat das Thema der Aussöhnung des Films sehr interessiert«, so der Regisseur. Der ICC befand sich in der Zeit an einem Punkt, an dem die Mitgliedschaft Palästinas heiß diskutiert wurde. Dies sollte das Thema der Dokumentation werden. Doch weil sich dieser Prozess immer mehr in die Länge zog, musste ein neuer Plan her.

Lubanga ein Glücksfall

»Uns war plötzlich klar, dass es nicht das alleinige Thema sein kann. ICC hat mehrere Fälle und wir haben nach einem roten Faden gesucht. Diesen haben wir in dem ersten Fall des ICC, der wirklich zum Abschluss gebracht wurde, gefunden«, berichtet der Filmemacher. Das war der Fall gegen Thomas Lubanga Dyilo, dem kongolesischen Milizenführer und Gründer der berüchtigten UPC. Er war der erste Angeklagte, der sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten musste, und es war zeitgleich auch der erste und einzige Fall von Ocampo, der zum Abschluss gebracht wurde. Für das Filmteam ein Glücksfall: »Für uns war das natürlich toll. Wir konnten in das Gericht gucken, hatten Material exklusiv zur Verfügung gestellt bekommen.« Sie haben die Arbeit aller Beteiligten hautnah erlebt, konnten sich einen eigenen Eindruck vom Angeklagten machen – »Er sah nicht aus wie ein Monster« – und vor allem hatten sie eine Entscheidung in dem Film. Denn mit Lubangas Verurteilung endete auch Ocampos Amtszeit am Gerichtshof.

Ein Mann mit Charisma

Luis Moreno Ocampo ist eine schillernde Persönlichkeit. Das erste Mal trat er bei den Prozessen gegen die argentinische Militärdiktatur in Erscheinung. Richtig zu glühen begann sein Stern als Chefankläger. Mitunter wirkt er im Film, als würde er die Macht genießen, als würde er sich gerne im Mittelpunkt sehen. Der Filmemacher, der drei Jahre an Ocampos Seite verbracht hat, sieht das anders: »Er hat sehr viel Charisma, aber er drängt sich nicht auf.« Vielmehr sei es so, dass sich alle aufgrund seines Charismas auf ihn gestürzt haben, was ihm wiederum die Öffentlichkeit bescherte. Natürlich verstand es Ocampo auch, die Medien für sich zu nutzen, er hatte seine Antennen überall. Er wusste genau, warum er gerade bei seinem Fall, der auch noch mit einer Kamera begleitet wird, Hollywood-Superstar Angelina Jolie genauso mit ins Boot holte wie einen der Chefankläger der Nürnberger Prozesse, Benjamin Ferencz. Er wollte alles daransetzen, dass die Arbeit des ICC die Aufmerksamkeit bekommt, die sie seiner Meinung nach verdient.

Wie ein Besessener

Als Chefankläger arbeitete Ocampo wie ein Besessener, immer getrieben von seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und seinem Optimismus. Der Film zeigt ihn fast immer am Telefon – in seinem Büro, im Auto, im Flugzeug. Seine Gesprächspartner sind Rebellenführer und seine Assistenten. Er jettet von einem Land ins nächste, um diejenigen dingfest zu machen, die sich über das Völkerrecht setzen. Und doch gelingt und gelang ihm in seiner Amtszeit nicht alles. »Er hätte noch gerne vieles mehr als nur den Lubanga-Fall zu Ende gebracht«, so Vetter. Mit dem Staatspräsidenten des Sudan, Omar Hassan al-Baschir, hatte er eine Art Privatfehde. Der ICC erließ als Folge des Darfur-Konflikts einen Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Der Präsident hat den Chefankläger immer wieder gefoppt, weil er ständig in Länder gereist ist, in denen er eigentlich hätte verhaftet werden sollen, weil sie dem ICC angehören. Und das ist nicht passiert. Das nagt – auch heute noch – an ihm. Er ist aber keiner, der dann den Kopf  in den Sand steckt und sagt, dass es nichts mehr bringe. Sondern er ist jemand, der andere Wege sucht.

Auf den Spuren von Gaddafi

Vetter hat ihn auf diesen Wegen begleitet. Sie führten ihn im Zuge der Dreharbeiten außer nach Den Haag auch nach Österreich, New York und nach Lybien. Lybien war dabei das einschneidendste Erlebnis. Zu der Zeit, als sich die Bevölkerung gegen ihren Despoten erhoben hat, war auch der Chefankläger Muammar al-Gaddafi und seinem Sohn Saif auf den Fersen. Sie sollten vor Gericht in Den Haag gestellt werden. »Wir hatten gar keine Einreiseerlaubnis, wir mussten uns reinschmuggeln lassen,« erinnert sich Vetter. »Das sieht man dem Film nachher nicht an, wie schwierig es war, mit Ocampo so schnell dorthin zu kommen.« Auch in Lybien zeigte sich, dass das Potenzial des Strafgerichtshofs noch ausbaufähig ist. Ja, sicherlich hätte der Chefankläger gerne Gaddafi vor Gericht gestellt, nur war es unter den gegebenen Umständen der Ermordung des ehemaligen Staatschefs durch die Rebellen nicht möglich. Aber seinen Sohn Saif hätte Ocampo sehr gerne in Den Haag gehabt. Bekommen hat er ihn nie, weil er sich vor der Gerichtsbarkeit des eigenen Landes verantworten muss. Aber aufgegeben hat der Chefankläger deswegen noch lange nicht.

Glaube an die Gerechtigkeit

Dieser unermüdliche Glaube an die Gerechtigkeit, der Antrieb Ocampos in all seinem Handeln, färbte bald auch auf den Regisseur ab. Ihn haben die Dreharbeiten nachhaltig geprägt, er weiß jetzt um die Bedeutung des ICC für die Welt. »All meine Filme sind für mich fast wie ein Universitätsstudium«, sagt Vetter. Dank seiner Filme – und besonders wegen Luis Moreno Ocampo – hat er gelernt, dass man manchmal die Sachen einfach machen muss. »Nicht lange darüber diskutieren, was nicht geht, sondern das zu tun, was geht!« Oft werde man zwar dafür kritisiert, wenn man etwas macht und es nicht so läuft, wie es sollte. Der Erste macht mehr Fehler als der Letzte. Bei jedem Computer-Programm ist die Version 1 nicht die beste. Aber ohne diese würde es auch keine Version 8 geben und es würde sich nichts ändern. Auch nicht das Schicksal tausender Unschuldiger, die leiden müssen.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Wenn Worte glücklich machen

Foto: Stefan Heilemann
Das Schreiben kann viele Gründe und Zwecke haben. Es dient der Information, der Unterhaltung oder dem Maßregeln. Für den Stuttgarter Björn Springorum hat das Schreiben eine ganze eigene Bedeutung: Es macht ihn glücklich. Umso schöner, wenn dabei etwas Spannendes für die Nachwelt entsteht. Denn im Oktober veröffentlicht der gelernte Journalist seinen ersten Roman.

Man muss als junger Autor heutzutage schon naiv genug sein oder einen sehr guten Plan haben, wenn man sich in die Fänge der Verlagswelt begibt. Klangvolle Namen gibt es viele, noch viel größer ist die Zahl derer, die mit ihren Werke ein trostloses Dasein fristen. Der Stuttgarter Björn Springorum wagt den Sprung in diese Gewässer. Am 11. Oktober erscheint bei Bastei Lübbe sein Debütroman »Der Herbstbringer«. Es ist die Geschichte eines jungen heranwachsenden Mädchens, das im Heim aufwächst und sich nicht an seine Vergangenheit erinnert, eines Mädchens, das ein dunkles Geheimnis in sich trägt. Es geht um Mystik, übernatürliche Mächte und um Vampire. Doch eines gleich vorweg: Auch wenn es ein Vampir-Jugendroman ist, mit Twilight hat dies rein nichts zu tun. Die Idee zu dem Buch entsprang einem nächtlichen Traum: Wie ist es, wenn man lebendig begraben wird? Und wie ist es, wenn man dabei unsterblich ist? Zugegeben, ein Traum, wie ihn nicht jeder träumt. Aber Björn Springorum ist auch nicht jeder.

Was für andere Menschen gute Filme, spannende Bücher oder actionreiche Videospiele sind, ist für den 30-Jährigen das Schreiben. »Beim Schreiben kann ich mich am besten entspannen«, sagt er. So kommt er zur Ruhe, findet den inneren Ausgleich und ist zufrieden. Schreibblockade? Kennt er nicht. Wenn er sich an den Rechner setzt und seine Gedanken und Ideen zu Papier bringt, ist er in einer Welt gefangen, in der er gerne ein Gefangener ist und aus der er nur ungerne wieder ausbricht. »Wenn ich mal aus Zeit- oder anderen Gründen nicht dazu komme, zu schreiben, merke ich schnell, dass mir irgendetwas fehlt, ich werde immer rastloser und ungeduldiger.« Das Absurde dabei ist, dass mit das Einzige, was ihn vom Schreiben abhält, das Schreiben selbst ist.
Björn Springorum arbeitet seit vielen Jahren als Journalist, er schreibt u.a. für die Stuttgarter Nachrichten, die Esslinger Zeitung, den Metal Hammer, Lift, Piranha und und und. Freizeit ist oft ein Luxusgut. Doch ist Schreiben nicht gleich Schreiben. »Ich liebe meinen Beruf, liebe es, Texte zu verfassen«, sagt er. »Aber wenn ich Bücher schreibe, dann ist es etwas ganz anderes.« Bücher seien viel persönlicher. In ihnen kehrt er sein Innerstes nach außen, verarbeitet Erlebtes, Träume und Gedanken bekommen eine Gestalt. Bücher zu schreiben ist für ihn das reine Glück.

»Der Herbstbringer« ist bereits das dritte Buch, von insgesamt vier, die er bereits geschrieben hat, und das erste, das in den Buchhandel kommt. Wenn Springorum über sein Werk spricht, dann redet er wie ein Vater, der über die ersten Schritte seine Sohnes berichtet. Er holt kaum Luft, lässt das frisch servierte Essen stehen, trinkt nur ab und an einen Schluck. Die Anekdoten, wie viel Glück er mit seiner Lektorin und seinem Verlag hatte, die kaum welche bis gar keine Änderungen am Manuskript hatten, sprudeln aus ihm heraus. Seine Aufregung so kurz vor dem Erscheinen des Buches ist greifbar. Er, der in seinem Berufsleben schon so viele Kritiken geschrieben hat, muss sich jetzt der Kritik von außen stellen. Ob er denn auch kritikfähig sei? »Das werde ich dann sehen, wenn die ersten negativen Kritiken kommen«, lacht der Autor. »Aber es allen recht machen kann man eh nicht.« So naiv ist er nicht.

Montag, 2. September 2013

Die Intimität der Musik

Foto: EMQI
Der Tübinger David Orlowsky ist einer der bedeutendsten Klezmer-Musiker Deutschlands. Mit seinem Trio gilt er heute als richtungsweisend im Bereich der neuen Weltmusik. Das belegen nicht zuletzt  die zwei ECHO-Auszeichnungen, die Orlowsky verliehen wurden. Die Konzerte seines Trios sind Höhepunkte, wie man sie in ihrer Intimität selten erlebt. Im Gespräch mit mir erklärt der Klarinettist den Unterschied zwischen Klezmer und populärer Musik, und sagt, warum sie nicht im Stadion funktioniert.


Was haben David Orlowsky und David Garrett gemeinsam?
(lacht) Nur den Vornamen.

Stimmt nicht ganz: Beide haben ihren ersten ECHO-Klassik im Jahr 2008 gewonnen.
Oh, okay, dann haben wir doch etwas gemeinsam. (lacht)
 
Und was unterscheidet den einen David von dem anderen?
Eigentlich eine ganze Menge. Erst mal natürlich das Instrument, David Garrett spielt Geige, ich Klarinette. Und auch in der Musik unterscheiden wir uns. Wir haben uns zwar damals beim ECHO kurz kennengelernt, aber ich kenne ihn dennoch nicht wirklich.

David Garrett ist heute ein Star, dich kann man trotz deiner Erfolge ruhigen Gewissens als einen »Geheimtipp« bezeichnen. Ist Klarinette nicht so massentauglich wie Geige?
Unsere Musik ist sicherlich etwas weniger kommerziell als das, was David Garrett macht. Bei uns im Trio ist es wirklich nicht das Ziel, möglichst viele Menschen zu erreichen. Das wäre mit Klezmer auch ziemlich schwer. Unsere Variante der Musik ist ziemlich komplex. Der Klezmer, wie wir ihn spielen, ist harmonisch weiterentwickelt, es kommt vieles aus dem Jazz, vieles aus der zeitgenössischen Musik dazu. Das ist etwas, was uns persönlich sehr interessiert, aber nicht unbedingt die ganz große Masse anspricht.

Hoffst du, dass es sich eines Tages ändert und auch Klezmer in der Mitte der Musikgesellschaft ankommt?
Wir machen das, was uns gefällt, und ich habe nicht das Gefühl, dass wir zu wenig Erfolg damit haben. Unsere Musik ist nicht für Stadien gemacht. Wir fühlen uns in Kirchen, in Kammermusiksälen, in kleineren Räumen, in denen man den direkten Draht zum Publikum hat, wohl. Das funktioniert nicht, wenn 5.000 oder 10.000 Menschen im Publikum sitzen. Die Intimität der Musik würde man so überhaupt nicht mitbekommen.

Du bist zweifacher ECHO-Preisträger. Welche Bedeutung haben solche Preise für dich?
Natürlich haben die Preise eine Bedeutung insofern, dass sie eine Wertschätzung sind, die einen freut. Gleichzeitig bedeuten sie aber nicht, dass man etwas erreicht hat, auf dem man sich ausruhen kann. Ich glaube keinem, der behauptet, solche Preise wären ihm egal.

Wie ist das typische David Orlowsky-Publikum?
Die meisten Menschen, die zu unseren Konzerten kommen, sind Menschen, die sich mit Musik beschäftigen. Sie hören viel Musik, gehen viel auf Konzerte, kaufen sich viele Platten. Das sind Menschen, für die Musik im Leben sehr wichtig ist. Menschen, die nur mal kurz zum Musikantenstadel reinschalten und ansonsten nur das Radio anmachen, findet man bei uns nicht. Für sie ist unsere Musik wahrscheinlich nicht direkt genug. Bei uns muss man auf die Musik zukommen, sich diese erschließen. Ein Florian Silbereisen beispielsweise bedient sich ganz einfacher Strukturen, was die Musik angeht. Das will ich nicht bewerten und sagen, dass dies schlecht sei. Das ist einfach nur eine ganz andere Art und Weise, Musik zu machen. Sie kommt direkt und ohne Umwege bei den Menschen an.

Wie hast du dir die Musik erschlossen? Schließlich hast du schon im Alter von 10 Jahren damit angefangen.
Musik hat bei uns in der Familie immer eine große Rolle gespielt. Meine Mutter ist Geigenlehrerin, meine Schwester hat Geige gespielt, mein Bruder ist ein sehr guter Pianist. Bei mir hat sich das im Laufe der Zeit entwickelt. Anfangs war ich gar kein Klassik-Fan, ich wollte nur Michael Jackson hören. Durch Konzerte und Hörerlebnisse hat sich das Interesse an der Musik immer weiterentwickelt.

Dabei hast du zunächst nicht Klarinette, sondern Schlagzeug gespielt...
Ich war als Schlagzeuger mit einem Orchester unterwegs und durfte mal in eine Klarinette reinblasen. Das war für mich ein echtes Aha-Erlebnis. Ein Jahr später war ich dann auf einem Konzert von Giora Feidman (einer der bekanntesten Klezmer-Musiker weltweit, Anm. d. Red.), von da an hat mich die Klarinette richtig gepackt.

Hat Giora Feidman deinen musikalischen Werdegang nachhaltig geprägt?
Absolut. Er hat ihn überhaupt erst in Gang gesetzt. Davor war ich ein typischer Musikschul-Schüler, mäßig motiviert und mit mehr Interesse für andere Sachen. Dank Giora Feidman habe ich festgestellt, dass Musik mich richtig begeistern kann. Davor war ich ein Musikkonsument, er hat den Wunsch in mir ausgelöst, selber etwas zu machen.

Du warst im besten Teenager-Alter, als du in die Lehre von Giora Feidmann gegangen bist. Hat man als 16-Jähriger nicht ganz andere Probleme im Kopf?
(lacht) Naja, es ist nicht gerade ein Coolness-Faktor, wenn man zu Hause bleibt und Klarinette übt. Aber mein Gott, jeder macht das, was er will. Andere haben Fußball gespielt, bei mir war es die Klarinette. Ja, ich war 16, aber ich bereue es nicht.
 
Kannst du dir heute überhaupt noch einen Tag ohne das Instrument vorstellen?
Oh, ja! (lacht) Und das schon sehr bald. Noch zwei Konzerte spielen, eine Aufnahme machen und dann geht es in den Urlaub. Dann ist die Klarinette schön im Schrank verstaut und ich gehe surfen.

Du und dein Trio habt euch musikalisch immer weiterentwickelt. Unter welchen musikalischen Einflüssen steht ihr? 
Der Ursprung, den man nach wie vor in vielen Stücken durchschimmern hört, ist natürlich Klezmer. Ansonsten sind es viele Einflüsse. Es ist zum Beispiel ganz viel elektronische Musik dabei. Ich glaube, dass alles, was einen klanglich umgibt, den Geschmack formt. Alles, was ich auf meinem iPhone oder im Radio höre, beeinflusst mich und das, was ich schreibe.

Ist Klezmer in deinen Augen eine unterschätzte Musik?
Ich weiß gar nicht, ob man Musik »unterschätzen« kann. Denn jeder geht doch im Endeffekt auf die Konzerte, auf die er Lust hat.

Was fasziniert dich an der Musik?
Sie hat mich einfach ganz intuitiv angesprochen, ich habe sie sofort verstanden. Ich glaube, viele Menschen würden sie schnell verstehen, weil sie eine ganz menschliche Ebene hat. Durch die Tonalität und Rhythmen ist die Musik sehr emotional.

Ihr beschreibt eure Musik als »Kammerweltmusik«. Kannst du bitte erklären, was dahintersteckt?
Der Begriff setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: Kammermusik und Weltmusik. Kammermusik deswegen, weil wir uns als gleichwertiges Kammermusikensemble sehen. Das ist keine Soloklarinette mit einer Rhythmustruppe hinten dran – auch wenn es David Orlowsky Trio heißt. Das war, nebenbei bemerkt, überhaupt nicht meine Idee. Das ist der Kammermusikteil. Wir achten auch sehr viel auf Feinheiten, können stundenlang an irgendwelchen Noten rumschrauben. Die Weltmusik kommt daher, dass das Tonmaterial und die gewisse Direktheit, das Tänzerische aus allen möglichen Musikstilen kommt. Balkan ist eindeutig hörbar, öfter auch mal arabische Sachen, besonders in den improvisierten Abschnitten.

Wie viel roter Faden und wie viel Improvisation gibt es auf den Konzerten vom David Orlowsky Trio?
Das hängt immer ein wenig vom Abend ab, von den Gästen, von dem Raum, in dem wir auftreten. Die Stücke haben alle ein Gerüst, eine feste Form. Aber in den Stücken gibt es ganz freie Abschnitte, die Raum für ein Solo lassen. Außerdem haben wir immer die Freiheit, verschiedene Sachen zu variieren und quasi um die Stücke drum herum zu spielen. Das ist nicht wie beim Mozart-Klarinettenkonzert, bei dem jede Note vorgeschrieben ist. Kein Konzert ist wie das andere, das wäre sonst ziemlich langweilig.